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Udo Raaf von Tonspion und Netselektor.de: Schneller Überblick über die Vielfalt im Netz

um 10:24 | Freitag, 24.11.2006 | Thema: Interview
Oliver Gassner: Hallo, Udo!
Udo Raaf: Hallo Oliver.
Oliver Gassner: Kannst du Dich bitte unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen, erzählen, zu welchen Themen du vor netselektor.de im Netz unterwegs warst und was deinen Aufgaben bei Netselektor sind?
Udo Raaf: Mein Name ist Udo Raaf, ich habe vor sieben Jahren das MP3 Musikmagazin Tonspion.de gegründet. Und nun als zweites Baby Netselektor.de ins Leben gerufen. Eine Social Bookmark-Plattform mit integrierten redaktionellen Webtipps.
Udo Raaf: Netselektor.de ist eigentlich eine Ausweitung des Prinzips Tonspion aufs gesamte Internet, also nicht spezialisiert auf Musik.
Oliver Gassner: Tonspion hat also auch schon mit nutzergeneriertem Material gearbeitet?
Udo Raaf: Indirekt.
Oliver Gassner: Heißt?
Udo Raaf: Tonspion.de ist eigentlich ein klassisches Musikmagazin nur mit dem Unterschied, dass wir nicht nur Text, sondern auch Links zu den besten Free Mp3s im Netz bieten. Man kann sich also alles besprochene sofort anhören und muss nicht nur dem Schreiber alles glauben. Die besten Tipps für empfehlenswerte MP3s kamen aber schon immer von unseren Nutzern. Auch ohne, dass wir sie ausdrücklich dazu aufgefordert haben oder uns irgendwie "Social Music Magazine" genannt hätten, oder so...
Udo Raaf: Ohne Nutzerbeiträge ist das Netz öde... ;-)
Oliver Gassner: Ist Tonspion profitabel? Oder womit verdient Ihr Euer Geld.
Udo Raaf: Tonspion war eigentlich relativ früh profitabel, da wir eine der ersten größeren MP3 Plattformen im deutschsprachigen Netz waren.
Oliver Gassner: Ihr kooperiert bei Tonspion auch mit 'normalen' Onlinemedien wie RP-Online. Ist das ein sinnvolles Modell?
Udo Raaf: Gegenseitige Verlinkung ist das A&O im Netz und wir machen das gerne über inhaltliche Kooperationen, nicht nur über nackte Links ohne jeden Bezug. Es gibt viele Webseiten, die auf unsere MP3 Tipps zugreifen. Wir unterscheiden auch nicht zwischen "normal" und "unnormal" wie deine Frage suggeriert. ;-)
Oliver Gassner: Wie ist das überhaupt mit Musik online? Das ist ja ein heißes Pflaster. Klingelt da nicht öfters mal die GEMA bei euch?

Udo Raaf: Ja, wer heutzutage mit Musik im Netz arbeitet steht eigentlich fast schon immer mit einem Bein im Knast. Leider ist die Rechtsprechung da viel langsamer als die technologische Entwicklung.
Udo Raaf: Wir haben mit der GEMA direkt nichts am Hut, da wir keine Downloads selbst anbieten, sondern immer auf die Seiten von Labels oder Künstlern verweisen.
Udo Raaf: Das bedeutet einen Klick mehr für die Nutzer und dafür ist das Angebot tatsächlich legal und bezahlbar zu machen.
Udo Raaf: Wenn es rechtlich möglich wäre, hätten wir lange vor MySpace schon eigene Server mit Musik vollgestopft, die wir mögen. Leider ist das in Deutschland vollkommen unmöglich.

Oliver Gassner: Aber Verlinken, haben manche Gerichte gesagt, sei 'zugänglich machen'. Sieht das die GEMA anders?
Udo Raaf: Es ist ja nicht verboten im Netz Musik zu veröffentlichen.
Udo Raaf: Wenn also ein Künstler auf seine Website seine neue Single veröffentlicht, dann möchte er auch, dass sie gefunden und heruntergeladen wird. Und wir sorgen dafür, dass möglichst viele darauf aufmerksam werden.
Oliver Gassner: Was hältst Du von Konzepten wie Musik mit CC-Lizenz oder Podsafe Music?
Udo Raaf: Diese Konzepte sind wichtig und gut, aber leider funktioniert das Musikbusiness ganz anders. Deshalb sehe ich leider kaum eine Chance, dass diese Konzepte mittelfristig eine große Verbreitung erreichen. Jede Band dieser Welt will einen Plattenvertrag und Geld mit der eigenen Musik verdienen. Früher oder später zumindest.
Oliver Gassner: Aber geht das nicht heutzutage ohne Vermittler leichter?
Udo Raaf: Äh, nein, das glaube ich nicht. Es gibt die Mär vom Popstar aus dem Internet. Das sind doch in Wahrheit ausgeklügelte Marketing-Strategien von pfiffigen Labels.
Oliver Gassner: Habt ihr bei Tonspion schon Karrieren gemacht? Oder zumindest beim Start von jemand geholfen, den sogar ich kenne?
Udo Raaf: Da gibt es sicherlich viele. Peaches, Tomte, Kettcar, Arctic Monkeys, Franz Ferdinand, Mediengruppe Telekommander, Feist, Wir sind Helden... die Liste der Musiker und Bands, die wir frühzeitig im Tonspion vorgestellt haben ist sehr lang. Bei den meisten ist es dann so, wenn der Erfolg mal da ist, wird halt nicht mehr gerne was kostenlos ins Netz gestellt, weil es eh jeder kauft. So ist der Gang der Dinge. Aber das bewahrt uns davor, faul zu werden und nur noch Mainstream vorzustellen. ;-)
Oliver Gassner: Also auf den ersten Blick sieht ja Netselektor nicht so spannend aus, andererseits wurde das Projekt in einigen Blogs gelobt. Erzählst du uns mal, welche Idee da dahinter steckt?
Udo Raaf: Warum sieht es nicht spannend aus? Das ist jetzt dein persönlicher Geschmack, wa?
Oliver Gassner: Überzeug mich ;)
Udo Raaf: Also wie bei allen meinen Ideen, gehe ich immer zuerst von mir selbst aus. Mir ist einfach aufgefallen, dass ich keine Seite kenne, die mir spannende neue Webseiten vorstellt. Manchmal möchte ich einfach bedient werden und nicht lange suchen. Genauso war das auch mit Tonspion. Und so entstand die Idee, mit Netselektor einen Webguide zu machen, der ebenfalls mehr vorstellt als nur den neuesten Mainstream. Um aber auch entsprechend Masse zu allen möglichen und unmöglichen Bereichen zu bieten, haben wir Social Bookmark-Funktionen integriert. Das heißt, die Leute können ihre Bookmarks mit einem Klick speichern und auch eigene Bookmarks veröffentlichen und empfehlen.
Udo Raaf: Netselektor ist also ein Zusammenspiel zwischen Nutzern und Redaktion, die versucht die Trüffel aufzuspüren.
Oliver Gassner: Warum brauche ich noch Eure Empfehlung. Würde es nicht reichen, die Nutzer entscheiden zu lassen, wie bei anderen Bookmarkseiten?
Udo Raaf: Wie bei Tonspion gibt es täglich neue Inhalte und eine Seite des Tages, damit die Leute einfach immer was neues finden, ohne gleich erschlagen zu werden mit Links.
Udo Raaf: Das kannst du doch selbst entscheiden. Du kannst sowohl in den Lesezeichen der Nutzer recherchieren, wenn du unseren Tipps nicht vertraust. Oder du kannst uns lesen wie ein Magazin, wenn du lieber redaktionelle Inhalte hast. Die Entscheidung liegt beim Nutzer. Meine Erfahrung ist aber, dass Netzaktivisten und Web 2.0 Connaisseure den "normalsterblichen" Nutzer gerne mal überfordern. Meine Forschungen vor dem Start von Netselektor sprechen eine klare Sprache, dass es nicht gerade die Mehrzahl der Leute ist, die die bisherigen Social Bookmarkplattformen nutzen.
Oliver Gassner: Also in den Themen-Listen wie 'Lachen' oder 'leben' sehe ich Texte, die wirken nicht sehr 'user generated'. Habt ihr bisher das meiste verfasst, was man so sieht? Kann man als Normalo mit seinen Tipps auf diese Pages kommen?
Udo Raaf: Über die Rubriken erreichst du die redaktionellen Webtipps und über die Tags erreichst du die Nutzer Bookmarks. Wir machen da eine klare Trennung. Wenn uns ein Bookmark gefällt, dann schreiben wir aber auch darüber. Auch die Nutzer können sich bei uns selbstverständlich als Editoren bewerben.
Oliver Gassner: Was hat so ein Nutzer-Editor davon? Kriegt der was vom Werbekuchen ab, dann?
Udo Raaf: Wer sich bei uns bewirbt mit erstklassigen Webtipps und gut schreiben kann, der wird womöglich als freier Autor angeheuert, ja.
Oliver Gassner: BoingBoing, das globale Blog-Flaggschiff war ja auch mal ein Fanzine auf Papier, dann im Netz und jetzt ein Blog. Was für eine Dimension könnte Netselektor erreichen? Spreeblick? Bildblog? Spiegel Online?
Udo Raaf: Da ich ausschließlich Erfahrung mit Tonspion habe, ist es erstmal das Ziel, Netselektor auf Tonspion-Niveau zu bringen. Das halte ich für realistisch. Ich lasse mich aber gerne auch überraschen, wenn Netselektor größer wird. Das schöne an so einer Seite ist, dass wir sie ständig und relativ schnell weiterentwickeln können. So ist Tonspion auch von einem Mini-Fanzine relativ schnell gewachsen. Wir werden uns jedenfalls nicht damit begnügen, eine technische Plattform ins Netz zu stellen und dann nur noch Marketing zu betreiben. Und ausschließlich von den Nutzern Content beisteuern zu lassen.
Oliver Gassner: Was sind das für Abrufzahlen? Visits und PI?
Udo Raaf: Mit Tonspion erreichen wir rund 3.5 Mio Seitenaufrufe im Monat. Für eine Seite, die fast ausschließlich Musik von Indielabels vorstellt, ist das glaube ich eine ganz stolze Zahl... mit Netselektor wollen wir zwar ein größeres Spektrum abdecken, dabei aber auch den unabhängigen Anbietern eine möglichst großen Platz einräumen.
Oliver Gassner: Den letzen Halbsatz verstehe ich nicht: 'unabhängige Anbieter'?
Udo Raaf: Ja, also nicht nur Yahoo, Google, YouTube und MySpace (was ja inzwischen fast alles dasselbe ist). In den Medien kommen ja fast nur diese Anbieter vor. Dabei gibt es eben viele kleinere, spezialisierte Anbieter, die niemals einen solchen Status erreichen, aber sehr interessant sind. Wir versuchen mit Netselektor ja nicht die Leute zu erreichen, die eh schon alles kennen, sondern eben die, die das Netz nur gelegentlich nutzen. Denen möchten wir einen schnellen Überblick über die Vielfalt im Netz bieten. Das ist die Grundidee von Netselektor.
Oliver Gassner: Ich hab in x Blogs was von Netselektor gelesen. Wie seid ihr das angegangen. War das geplant? Habt ihr gemailt? Wie fängt man Blogger?
Udo Raaf: Oh, danke für den Hinweis. Wir haben zum Start eine Presseinfo verschickt, die scheint von jemandem gelesen worden zu sein... ;-)
Oliver Gassner: Ging der Versand nicht nur an die Presse sondern auch an Blogger? Oder haben die das in den regulären Onlinemedien aufgeschnappt?
Udo Raaf: Ich mache diese Unterscheidung zwischen "Presse" und Blogger, Web 1.0 oder Web 2.0, Print oder Online eigentlich nicht. Wir freuen uns über jeden, der unsere Seiten gut findet und sie seinen Lesern, Hörern oder Nutzern empfiehlt. Am Ende ist es aber doch meistens so, dass man selbst im Netz etwas aufschnappt und dann wieder darüber berichtet. So läuft das natürlich auch bei Netselektor. Wir warten auch nicht, bis uns die Seitenbetreiber gezielt anschreiben, sondern wir recherchieren, wo es was neues, empfehlenswertes gibt.
Oliver Gassner: Gerade promotet ihr ja mit einem Pop-Over Netselektor wenn man Tonspion aufruft. Kriegt ihr da keine böses Feedback?
Udo Raaf: Äh, nein. Wir sind stolz auf den Netselektor und gehen davon aus, dass die Tonspion-Nutzer auch gerne mal nen Auge drauf werfen. Angesichts der Tatsache, dass die meisten eh mit Pop-Up-Blocker unterwegs sind, die Pop-Ups rigoros ablehnen, kann ich nachts auch weiterhin ruhig schlafen.
Udo Raaf: Der Netselektor ist ja noch ganz neu. Wir werden das Pop-Under natürlich nur in der Anfangszeit laufen lassen.
Oliver Gassner: Was ist bei Netselektor geplant? Ausbau? Geld eintreiben von Angels? Bald eine englische Version?
Udo Raaf: Erstmal dafür sorgen, dass möglichst viele Leute die Seite kennen lernen und ein paar davon auch gerne wiederkommen. Das ist das A&O. Wir werden in den nächsten Monaten Erfahrungswerte sammeln und dann entsprechend die Seite weiter ausbauen. Wir freuen uns übrigens deshalb auch über jedes einzelne Nutzer-Feedback, egal ob total positiv oder negativ. Nur so können wir die Seite verbessern...
Oliver Gassner: Was mich zum Schluss noch interessiert: Klickt eigentlich irgendwer auf die Google-Anzeigen ganz unten auf der Seite bei Netselektor? - Das ist ja nicht grade eine von Adsense empfohlene Platzierung.
Udo Raaf: Nun ja. Diese Anzeigen sind ein netter Nebenverdienst, deshalb stehen sie bei uns auch nicht im Mittelpunkt auf der Seite. Aber erstaunlicherweise werden sie auch an dieser Stelle geklickt, ja.
Oliver Gassner: Vielen Dank für das Interview und deine knappe Zeit. Und viel Erfolg beim netselekten.
Udo Raaf: Danke.

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Nun ja, im Impressum der Readersedition dürften Sie da fündig werden, nicht? [oliverg]

Bitte um e-mail und Tel Nr.von Dr. Maier ... [Witzeling Franz]

Mich auch ;) ... [oliver gassner]

Du verwechselst mich mit Oliver Samwer ;) ... [oliverg]

Mich würde mal interessieren wie das mit der Vermarktung mittlerweile geklappt hat. [tatti]

Yep, wie bei manchen davon. Bzw. Modelle, die erwünschtes Verhalten auf Benefitanteile abbilden. Ich... [oliver gassner]

@ Nun ja, dass local das next big thing ist, das wusste man seit dem Crash ;) ... [Gleb Tritus]

Nun ja, dass local das next big thing ist, das wusste man seit dem Crash ;) ... [Oliver G]