--

Michael Maier: Readers Edition - Bürgerjournalismus jenseits des Hype

um 10:14 | Samstag, 23.12.2006 | Thema: Interview

Dr. Michael Maier verlässt seinen Platz als Chefredakteur der Netzeitung und nimmt, wie kürzlich bekannt wurde, das von ihm angestoßene Bürgerjournalismusprojekt "READERS EDITION" mit. - Er stand uns netterweise kurzfristig ausnahmsweise nicht per Chat sondern im E-Mail-Interview zur Verfügung:




Gassner: Herr Dr. Maier, Sie haben sich entschlossen die READERS EDITION von der Netzeitung zu übernehmen und in eigener Regie weiterzuführen. Was haben Sie mit dem Projekt vor?
Maier: Ich möchte aus Readers Edition eine Plattform entwickeln, in der Bürgerjournalisten und Profis zusammenarbeiten. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Projekt haben mich in meiner Vermutung bestärkt, dass die Leser unglaublich viel beitragen können Zugleich haben wir gesehen: Es braucht die journalistische Gestaltung. Themen müssen angeregt, die Qualität sichergestellt werden. So etwas kann man nicht nebenbei machen. Hier ändert sich unsere gesamte Kultur der Öffentlichkeit. Ich möchte mich da nicht an einem kurzfristigen Hype beteiligen - mich interessiert, was man inhaltlich und publizistisch aus diesen neuen Möglichkeiten machen kann.

Gassner: Man könnte mutmaßen, dass die Netzeitung sich von dem Projekt trennt, weil es sich nicht rechnet. Ist das so? Falls ja: Wie ändern Sie das? Falls nein: Warum und wie ließ sich die Netzeitung überzeugen, sich von einem rentablen Projekt zu verabschieden?
Maier: Die Readers Edition muss aus sich selbst heraus bestehen. Interessanterweise hat man seinerzeit bei der Gründung der Netzeitung ähnliche Vorbehalte geäußert: Wie kann ein alleinstehendes Online Unternehmen überleben? Braucht es nicht den großen Verlag? Ebenso wie die publizistische Komponente interessiert mich, wie man ein Geschäftsmodell für Bürgerjournalismus finden kann.

Gassner: Könnte man Ihren Weggang von der Netzeitung - wo Sie Chefredakteur waren - auch als Verlassen eines sinkenden Schiffes und das Setzen auf ein junges und innovatives Konzept interpretieren? War das vielleicht seit dem Start der RE schon geplant?


Maier: Die Netzeitung ist heute besser aufgestellt als je zuvor. Mit Michael Angele und Matthias Ehlert kommen zwei Super-Leute als Chefredakteure. Die beiden wissen genau, dass die Netzeitung selbst ebenfalls einen Innovationsschub bekommt. Ich habe das Unternehmen jetzt sieben Jahre lang begleitet - ich möchte einfach etwas Neues machen. Zum Altbauer, der ewig am Hof sitzen bleibt und den Niedergang der Welt beklagt, bin ich nicht geeignet.

Gassner: Haben Sie einen symbolischen Euro bezahlt oder können Sie und die Zahl der Nullen am Kaufbetrag nennen?
Maier: Wir haben über den Kaufpreis Stillschweigen vereinbart.

Gassner: Gibt es wirklich genügend gute Amateurjournalisten ohne finanzielle Interessen in Deutschland? oder wird da irgendwann die Qualität auf der Strecke bleiben?
Maier: Die Kunst wird darin bestehen, die Balance zu finden: Begeisterung und Professionalität. Ich glaube, dass es in Deutschland viele Informationscluster gibt, die abseits der traditionellen Medien existieren und auf eine Zusammenführung in einem generell-interest-Portal warten.

Gassner: In Ihrer Pressemitteilung loben Sie das ehrenamtliche Engagement der Schreibenden. Hat die nicht vielmehr die Aussicht auf Honorar bei Veröffentlichung in der Netzeitung motiviert?
Maier: Für den einen oder anderen mag das zutreffen. Ganz viele haben - zum Teil wirklich sehr gut - Texte geschrieben, ohne etwas zu bekommen. Die ganze Sache ist ja noch ziemlich neu. Ich bin sehr offen für den einen oder anderen Weg. Auch hier erinnere ich an die Web 1.0-Zeiten: Eine zeitlang hieß es, alles muss frei zugänglich sein. Dann wurde auf einmal gesagt: Nur kostenpflichtiger Content führt zum Erfolg. Heute sind wir wieder woanders. Bei einem so neuen Phänomen kann man unmöglich heute schon wissen, was wie funktioniert. Wir werden einiges ausprobieren.

Gassner: Wie soll RE seine Kosten erwirtschaften oder gar Gewinne schreiben?
Maier: Wenn das klassische Modell "Reichweite führt zu Werbeeinnahmen" allgemein gilt, dann gilt es auch für Readers Edition. Wir werden dennoch darüber hinaus überlegen, wie wir eine wirtschaftlich tragfähige Basis für das Projekt schaffen können.

Gassner: Werden Gewinne auch in Honorare für Schreibende umgesetzt?
Maier: Das ist sicher eine Möglichkeit.

Gassner:Ich bin bei der RE registriert und muss zugeben, dass ich noch nie etwas geschrieben habe. Überzeugen sie mich: Warum sollte ich jetzt?
Maier: Gegenfrage: Fällt Ihnen etwas ein, von dem sie glauben, dass es für andere Leute wichtig, interessant oder unterhaltsam ist? Dann schreiben Sie es auf. Wenn es gut ist, machen wir sogar eine Agenturmeldung draus. Wenn Ihnen nichts einfällt, lassen Sie es bleiben. Und sehen Sie Ihr Engagement langfristig. Es geht nicht darum, jetzt mal einen Beitrag zu schrieben und dann wieder zu verschwinden. Das funktioniert auch bei traditionellen Medien nicht. Wenn Sie glauben, dass Nachrichten und Berichte, die von Bürgern geschrieben werden, einen Kontrapunkt zum Mainstream-Journalismus, zu dessen Marketing-Getriebenheit und Selbstgefälligkeit setzen können, dann schrieben Sie. Und zwar immer wieder. Es stört mich aber auch nicht im geringsten, wenn Sie sagen: Ich schreibe lieber für die "Süddeutsche". Nur zu!

Gassner: Meiner Erfahrung nach sind Communities eine sehr fragile Angelegenheit Wie hält man in diesem Falle die Balance zwischen der Notwendigkeit, Einnahmen zu generieren und dem Engagement der Bürgerjournalisten?
Maier: Deswegen interessiert mich der Hype nicht, sondern das langfristige Konzept.

Gassner: Warum brauchen wir überhaupt Bürgerjournalisten? Machen die bezahlten Kollegen was falsch? Und was?
Maier: Der Journalismus wird immer eingeengter. Sei es durch wirtschaftliche Restriktionen, sei es durch Rücksichtnahmen der Journalisten. Journalismus ist sehr kampagnenhaft geworden. Themen werden "gemacht", die Differenzierung bleibt auf der Strecke. Wo lesen Sie zum Beispiel heute nachhaltig UND interessant über Umweltthemen? Transparency International gibt es seit vielen Jahren. Kein Mensch hat sich für die interessiert. Dann kommt der Siemens-Skandal, alle springen auf das Thema auf. Morgen jedoch ist alles vergessen und die nächste Sau wird durchs Dorf getrieben. Ich bin aber gar nicht der Meinung, dass es um ein Entweder-Oder geht. Der Bürgerjournalismus kann wie frischer Wind sein und den klassischen Journalismus beleben. Wir haben extrem viel Kompetenz bei den Bürgern. Denken Sie zum Beispiel an die Wissenschaft. Welche Redaktion leistet sich noch wirklich eine kompetente Wissenschaftredaktion? Kaum eine. Das kann aber nicht heißen, dass die Wissenschaft deswegen schweigen muß.

Gassner: Als Journalist habe ich es durchaus schon erlebt, dass Anzeigenkunden auf missliebige Artikel mit Anzeigen-Storno gedroht und auch reagiert haben. Besteht diese Gefahr bei der RE auch? Wie planen Sie da zu agieren?
Maier: Natürlich besteht diese Gefahr immer. Deshalb will die Readers Edition ja ein Medium sein. Es bietet dem einzelnen Journalisten nämlich Schutz und sichert seine Rechte ab. Das fällt einem einzelnen Blogger viel schwerer, wie wir in den USA gesehen haben. Für mich ist aber auch dies ein Teil der Professionalisierung, der uns am Ende zu einem für den Leser glaubwürdigen Medium macht.

Gassner: Was denken sie: Bis wann wird eigentlich die gedruckte Tagespresse zum Minderheitenmedium?
Maier: Ich glaube, dass die gedruckt Tagespresse noch viele Jahre das Mehrheitsmedium der älteren Generation sein wird. Die demografische Entwicklung spielt in diesem Zusammenhang dem Beharrungsvermögen der großen Verlag in die Hände. Daher wird es verschiedene Lebensformen nebeneinander geben. Ich glaube nicht an den Darwinismus in der Mediengeschichte, sondern eher an die sanfte Evolution.

Kommentare

Witzeling Franz
10.04.2008 - 21:26

Bitte um e-mail und Tel Nr.von Dr. Maier
Projektkooperation

oliverg
13.04.2008 - 15:27

Nun ja, im Impressum der Readersedition dürften Sie da fündig werden, nicht?

Dein Kommentar

Deine Daten

Bitte Emailadresse oder Homepage angeben. Kein HTML-Code erlaubt, Weblinks in der Form http://beispiel.de werden automatisch in Links umgewandelt.

Vorschau:

Trackback

Trackback-URL dieses Artikels

Einfach diese Adresse kopieren und in die Trackbackfunktion Deiner Weblogsoftware einsetzen. Eine genaue Erklärung, was Trackback ist, findest Du hier [neues Fenster].

Versenden

Diesen Artikel per Email verschicken


mabber



Nun ja, im Impressum der Readersedition dürften Sie da fündig werden, nicht? [oliverg]

Bitte um e-mail und Tel Nr.von Dr. Maier ... [Witzeling Franz]

Mich auch ;) ... [oliver gassner]

Du verwechselst mich mit Oliver Samwer ;) ... [oliverg]

Mich würde mal interessieren wie das mit der Vermarktung mittlerweile geklappt hat. [tatti]

Yep, wie bei manchen davon. Bzw. Modelle, die erwünschtes Verhalten auf Benefitanteile abbilden. Ich... [oliver gassner]

@ Nun ja, dass local das next big thing ist, das wusste man seit dem Crash ;) ... [Gleb Tritus]

Nun ja, dass local das next big thing ist, das wusste man seit dem Crash ;) ... [Oliver G]